Arbeit aufgeben oder in Hartz IV fallen
Ein besonders krasser Fall einer Lücke im System ist die Geschichte von Barbara M. und ihrer Familie. Die alleinerziehende Mutter von vier Kindern, von denen eines vermutlich autistisch ist, stand plötzlich ohne Kindermädchen da.
Ihre Alternative: Die Arbeit aufgeben und in Hartz IV landen oder die Caritasfamilienpflege rufen. Die kam, wurde aber von den Krankenkassen nicht bezahlt.
Mühldorf – «Wie definiert man Not? Und steht es mir überhaupt zu, Hilfe in Anspruch zu nehmen?» Diese Fragen beschäftigten Barbara M. im vergangenen Winter. Ob es an ihrem Stolz oder an der Angst vor dem Jugendamt lag – Barbara M. versuchte lange, sich alleine durchzukämpfen. Wahrscheinlich zu lange. Denn als sie sich schließlich an die Familienhilfe der Caritas wandte, stand sie kurz vor dem Zusammenbruch.
Was war geschehen? Die 39-Jährige ist alleinerziehende Mutter von vier Kindern: einem achtjährigen, zwei zehnjährigen und einem dreijährigen Kind. Der Jüngste, Tobias, leidet unter starker Entwicklungsverzögerung. Zwar gibt es noch keine definitive Diagnose, doch weist der Bub zumindest zeitweise autistische Züge auf. Da der Vater der Kinder keinen Unterhalt zahlt, muss M. als Verwaltungsmitarbeiterin die Brötchen der Familie verdienen. Und weil Tagesmütter zu teuer sind, behilft sich die Mutter schon seit langem mit Au-pair-Mädchen, die tagsüber die Aufsicht der Kinder übernehmen.
Ein eingespieltes System, das bis Oktober 2006 gut funktionierte. Bis sich das aktuelle Au-pair-Mädchen als Fehlgriff erwies: «Sie konnte kaum deutsch, und mit Tobias kam sie auch nicht klar.» Das Mädchen erhielt die Kündigung, und Barbara M. wusste nicht, wer sich um ihre Kinder kümmern würde. «Ich saß oft um 15 Uhr im Büro und wusste nicht, wer morgen meine Kleinen versorgt.» Von der Organisation des Haushalts ganz zu schweigen: «Abends um elf musste ich dann noch den Abwasch und Bügelwäsche erledigen.»
Hinzu kam: Barbara M. musste sich schwere Vorwürfe wegen ihrer Berufstätigkeit gefallen lassen. Teils fragte sie sich selbst «Gehe ich den richtigenWeg?»,teils redetenihr die Erzieherinnen ihrerKinder Schuldgefühle ein: «Ich habe oft gehört: ‚Dann musst du halt daheim bleiben!’ Sogar dieKrankheit meines Kleinenwollten sie meiner Abwesenheit von zuhause in die Schuhe schieben!»
Doch was wäre die Alternative zu ihrer Arbeit und damit der Absicherung ihrer Familie gewesen? «Hartz IV, mein Haus wäre weg gewesenundichhättenachsiebenJahrenprivaten Konkurs anmelden müssen.»
Für Barbara M. keine Lösung, weshalb sie endlich die Familienhilfe der Caritas anrief und fragte: «Was soll ich bloß tun?»
Fortan erwies sich Cornelia Mayer als rettender Engel. Die Frau, deren Credo lautet «Nur aus Chaos kann wieder Ordnung entstehen», besuchte die M.s zweimal wöchentlich jeweils drei Stunden lang. Sie versorgte den Haushalt, spielte mit den Kindern, sprach der Mutter Mut zu. Barbara M.: «Conny hat ein Stück gute Seele mitgebracht und dagelassen.» Und: «Ohne sie hätte ich das alles nicht gepackt, ich hätte fast alles hingeschmissen.»
Natürlich sei es denkbar, dass die Familie wieder in eine ähnliche Situation gerät. Das neue Au-pair Anna wird die M.s im Januar verlassen. Doch die Mutter hat gelernt: «Es ist keine Schande, Hilfe in Anspruch zu nehmen.»
Die Finanzierung der Familienhilfe mussten allerdings zum größten Teil Spender und die Caritas selbst übernehmen. Grund: Die Krankenkasse erkannte M.s Problem nicht an. «Die Kasse zahlt nur, wenn die Mutter im Falle von Krankheit die Pflege ihrer Kinder nicht mehr übernehmen kann», erläutert Caritas-Kreisgeschäftsführer Herbert Späth. Der Fall der Mühldorfer Familie, in der die Mutter zur Exist-enzsicherung arbeiten gehen muss und daher Erziehungshilfe braucht, sei eine klassische «Lücke im System».
Diese Lücke schließen heuer die Leserinnen und Leser der Heimatzeitung mit ihren großzügigen Spenden im Rahmen der OVB-Weihnachtsaktion für Mitmenschen, die Hilfe brauchen.
Zahlscheine für die OVB-Weihnachtsspendenaktion liegen dieser Ausgabe bei.
Die neuen Spenderlisten finden Sie heute auf den Seiten 28 und 29. zip

























